Kiew zum Arbeiten (2004)

Aus KramerOnTour

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Meine Arbeit führte mich immer mal wieder an interessante Orte, wo ich ohne Auftrag sicher nicht hingefahren wäre. Die Ukraine stand eigentlich nie auf der Liste der zu besuchenden Länder, schon wegen des Klimas. Nun war ich aber mal da, und will nochmal hin. So zum Spass, als Urlaub. Das Land hat mich beeindruckt.

Bis auf weiteres ist der Artikel eine Zusammenstellung der eMail-Berichte an Christine, eine Freundin aus Ingolstadt.

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Hinflug

Ich musste kurzfristig zum Arbeiten nach Kiew, und bereitete mich ausnahmsweise mal ein Wenig darauf vor. So hatte ich einen Zettel mit ein paar Worten russisch, eine ungefähre Vorstellung der klimatischen Verhältnisse und die Adresse meines Hotels in kyrillischer Schrift.

Derart ausgerüstet flog ich über Wien nach Kiew. Am Flughafen schon musste ich feststellen, dass meine Auskünfte bezüglich des zu erwartenden Klimas voll daneben waren. Mag sein, dass im Durchschnitt dort im Hochsommer nur 22 Grad gemessen werden. Aber diesen August hatte es reichlich mehr.

Am Flughafen wurde ich von einem Fahrer des Unternehmens abgeholt, in dem ich arbeiten sollte. Der Herr sprach kein bißchen Englich, dafür aber etwas Deutsch. Als ich mich auf Russisch bei ihm bedankte, gab er mir den Rat: "Ukraina nix gerne spreche Russisch. Besser Deutsch.". Damit wanderte mein "Rusisch-Merkzettel" gedanklich in den Müll.

Wir fuhren zuerst zur Firma, so eine Stunde etwa, quer durch Kiew. In Kiew darf man 80km/h auf Hauptstraßen fahren, aber so langsam fährt hier keiner. Nicht mal dort, wo Straßenschäden sind. Die Lage des Firmengebäudes und der Zustand sind unbeschreiblich. Nur mit viel Vertrauen auf meinen Fahrer konnte ich glauben, dass dies wirklich die größte Druckerei der Ukraine sein soll. In amerikanischen Filmen werden solche Gegenden als Keimzellen krimineller Gangs gezeigt. Die Tür, die den Haupt-Eingang darstellt, könnte auch zu einer Schlachtkammer der örtlichen Gang führen. Leider habe ich keine Bilder davon gemacht. Nur den Feuerlöscher habe ich verewigt.

Im Innern eine andere Welt. Gleich hinter der Aussentür ist noch eine Innentür. Dahinter ein schweres Drehkreuz, daneben eine kleine Glasscheibe. 3 Wachleute sitzen in dem kleinen Räumchen hinter der Scheibe, mit kugelsicheren Westen. Der Fahrer schleust mich durch und holt den deutschen Baustellenleiter. Der Baustellenleiter ist etwa in meinem Alter, drahtiger Kerl ohne Haare. Wir gehen zusammen in den obersten Stock, wo wir einen kleinen abschliessbaren Raum für unsere Sachen haben. Das gesamte Verwaltungsgebäude könnte aus einem schlechten Film stammen, in dem grau gekleidete Verwaltungsangestellte mit fahlem, strengem Gesicht aus den Türen kommen und den Gang entlang huschen. Kabel hängen von der Decke, Türklinken fehlen einfach, der Putz bröckelt stellenweise.

Der Raum, in dem wir unsere Sachen abstellen, ist klein. Die 10 Spinte passen geradeso rein, dazu ein Schreibtisch und ein Sofa. Alles sehr gebraucht. Ich packe meine Sachen in einen Spint und wir gehen in die Maschinenhalle.

Hinter dem Rolltor befindet sich die Zukunft. High-Tech. Auf Hochglanz poliert. Zumindest im Gegensatz zu dem Rest der Firma. Eine sehr moderne Halle, mit allem, was eine moderne Druckerei so ausmacht. Etwas lauter, weil Arbeitsschutz in der Ukraine kein Thema ist. Kurze Vorstellung der Leute, Besichtigung der Maschinen, Erläuterung der Probleme und Wünsche, Feierabend.

Es dauert eine Weile, bis alle zusammen sind, die mit den Firmen-Taxis "nach Hause" gebracht werden. Die deutschen Mitarbeiter wohnen hier in Mietswohnungen, etwa 3-9 Monate jeder. Einer ist schon seit 2 Jahren hier. Wir verabreden uns bei mir am Hotel für den Abend, um noch was Essen zu gehen. Dann geht's los Richtung Hotel. Nach dem Firmengebäude bin ich mal sehr gespannt.

Etwa 20 Minuten dauert die Fahrt von der Firma zum Hotel. Einem der Besten in Kiew. Prunkgebäude an einem Ende des Einkaufsboulevards "Kriwtschatnik" (oder wie auch immer man das schreibt). Das Einchecken im Hotel ist wie immer etwas komplizierter, da ich keine Kreditkarte habe. Vorauszahlung aller geplanten Nächte. Zum Glück hat das Hotel einen Geldautomaten, der auch prompt kein Geld ausspuckt. Kein Geld, kein Hotel. Also Gepäck schultern und auf zum nächsten Geldautomaten.

Nur etwa 500m die Einkaufsstraße hinauf findet sich ein sogar deutsch-sprachiger Geldautomat. Und der hat auch Geld für mich. Mit einer dicken Brieftasche konnte ich den Portier dann glücklich machen und endlich mein Gepäck loswerden. Zum Schlüssel gab's natürlich auch eine Karte mit der Hoteladresse, damit verlor auch die letzte Reisevorbereitung ihren Wert. Den Blick aus dem Hotelfenster habe ich Dir beigefügt.

Der erste Abend begann gleich richtig abenteuerlich. Metro fahren in Kiew. Die U-Bahn in Kiew hat keine Steigungen, so liegen alle Gleise auf einer Ebene unterhalb des Dnjepr (dem Fluß). Das Hotel (und ein großer Teil der Stadt) liegt aber auf einem Hügel, und so geht es etwa 300m mit der Rolltreppe steil abwärts. An einem Stück. Wahnsinn. Und billig. Etwa 12 Cent pro Fahrt, egal wohin.

Ich habe keine Ahnung mehr, wohin es genau ging. Wir trafen uns aber in einem kleinen Restaurant-Bar-Disco-Laden mit den anderen Technikern. Die kamen so oft da hin, dass der Besitzer sogar andere Gäste rauswirft, damit sie genug Platz haben.

Dort habe ich die Leute etwas näher kennengelernt. Falk, den Baustellenleiter. Geboren irgendwo zwischen Rostock und Rügen, begeisterter Segler mit 2 kleinen Jollen an der Ostsee. Harald, der Co-Baustellenleiter, ein echter Franke. Keine besonderen Merkmale. Wolfgang, Techniker von einer Konkurrenzfirma, aus Augsburg. Aussendienstmitarbeiter seit 30 Jahren, vorwiegend in Ost-Europa unterwegs. Und spricht alle Sprachen so ein bißchen.

Es war noch eine Hand voll anderer Techniker da, die aber alle diesen Abend nur ihren Abschied feierten. Es war recht lustig, aber ich war sehr früh müde. Den Heimweg machte ich mit dem Taxi, und fiel direkt danach ins Bett. Der erste Tag ist einfach der Anstrengenste.

Den nächsten Tag wurde ich mit dem Firmen-Taxi abgeholt, ausser mir war keiner mit an Bord. Die Fahrt fotografierte ich ein paar Merkwürdigkeiten. Ein Denkmal am Dnjepr, und den Mega-Hend'l-Griller auf dem Dnjepr-Damm. Sonst gab's nur verfallende Häuser zu sehen.

Der Arbeitstag verging recht schnell. Ich konnte meine Fehler recht schnell finden und bis zum Abend schon absehen, dass ich mit der einen Woche gut hinkäme. Gegen Abend ging dann die Maschine kaputt. Nicht wegen mir, aber auch für mich ungünstig. Die Diagnose dauerte bis zum Feierabend. Dann stand fest: das Ersatzteil ist im Zoll, und das schon seit Wochen. Aber der Kunde will kein Schmiergeld zahlen, und so geht alles seinen vorschriftsmäßigen Gang.

Zum Mittag gingen wir einen nahegelegenen Country-Club. Richtig urig, und sehr gut. Das Mittagsmenü kann man aus verschiedenen Sachen zusammenstellen, für ca. 4 EUR. Supergut. Und abends waren wir nochmal essen.

Den nächsten Tag sollte mich wieder das Taxi abholen, aber das kam nicht. Es war Samstag, und ich hatte keine Ahnung, wo diese Firma war. Mit Hilfe der Hotel-Rezeption suchten wir nach Adressen im Telefonbuch, und ich machte dann eine Rundfahrt mit dem Taxi. Aber die Adressen stimmten alle nicht. Den Nachmittag rief ich dann den Wolfgang an: "Macht nix, Maschine steht sowieso. Kommst nachher zu mir ins Hotel."

Gesagt, getan. Mit dem Taxi fuhr ich zu seinem Hotel. Der Weg führte diesmal durch einen anderen Teil der Stadt. Hier standen "Condominiums", Wohn-Hochhäuser, wie sie in allen Mega-Metropolen der Welt zu finden sind. Dazwischen immer wieder Einkaufszentren und Parks. Ein gänzlich anderes Bild von Stadt.

Der Wolfgang hatte vorm Hotel so eine Art Biergarten, da saßen wir den halben Tag so rum und unterhielten uns. Dann entschieden wir uns spontan, mit dem Abend-Express nach Dnepropetrowsk zu fahren. Schnell noch Sachen packen und ab in den Zug. Der schnellste Zug der Ukraine. Für 17 EUR 1. Klasse.

Der Bahnhof war modern, der Zug auch. Nicht ganz ICE, aber sehr ansprechend. Schon am Bahnsteig wird man begrüßt, das Gepäck wird einem ins Abteil gebracht. In jedem Wagen sind 4 Personen zur Begleitung. Die sind stets zur Stelle, wenn man was braucht oder Fragen hat. Besser wie ICE!

Wir haben uns gleich in den Speisewagen begeben. Nicht zum Essen, wegen der Getränke. 4 Stunden sollte die Fahrt dauern, 4 Stationen, 440km. Der Speisewagen war praktisch eingerichtet, modern und hell. Auch hier waren 4 Personen beschäftigt. Eine Frau hinterm Tresen, eine in der Küche, die Personalchefin und ein Sicherheitsmann.

Kaum hatten wir Kiew verlassen, tauchte vor dem Fenster eine andere Welt auf. Natur pur, soweit das Auge reicht. Beeindruckend. Wir fuhren bis zum Einbruch der Dunkelheit nur durch grüne Welt, mit ein paar Dörfern dazwischen. Und das mit der für Ukrainische Züge unglaublichen Geschwindigkeit von 140km/h. Bei den Zwischenhalten machten wir eine kurze Pause, dann ging es rasend schnell weiter.

Beim letzten Halt vor Dnepropetrowsk wurde die Lokomotive gewechselt. Das halbe Land hat wohl eine andere Stromversorgung, so dass die Bahn hier nur mit Dieselloks weiterfährt. In Dnepropetrowsk sind wir dann erstmal in ein Hotel eingecheckt. Und zu einer Keller-Disco mit Live-Musik gelaufen, die Wolfgang schon kannte. Dort haben wir die Nacht zum Tag gemacht, und fast bei Sonnenaufgang bin ich wieder ins Hotel.

Morgens beim Frühstück planten wir dann den Tag. Erstmal auf dem Basar eine Ex-Freundin von Wolfgang besuchen. Die wolle er ein bißchen ärgern. Und dann einen kleinen Stadt-Rundgang machen. Abends am Dnjepr Schaschlik essen. Und so haben wir's gemacht.

Der Wasser-Bahnhof ist ein ehemaliges Passagier-Terminal des Hafens. Aber der Ex-Freundin von Wolfgang fiel das Wort Hafen nicht ein, so umschrieb sie es als Wasser-Bahnhof. Fand ich genial.

Während wir so unten am Dnjepr saßen, kam dann noch ein Segler vorbei. Und ein paar Angler. Und Schwimmer, die von einer der Auto-Brücken in den Fluß sprangen.

Zurück fuhren wir mit dem Nachtzug. Auch wieder 1. Klasse. Aber Schlafwagen. 12 EUR. Der Speisewagen war nur von der 2. Klasse. Aber für einen Schlummertrunk war's ok.

Montag morgen um 7 waren wir wieder in Kiew. Genau richtig zum Arbeiten. Nur die Maschine lief immer noch nicht. Ich konnte noch recht gut arbeiten, aber Wolfgang nicht. Er musste seinen Aufenthalt schon Freitag verlängern, und jetzt noch weiter. Er hat sich ehrlich geärgert.

Wir haben dann nicht mehr viel gemeinsam unternommen. Ich habe noch ein bißchen Kiew erkundet, die Fotos schicke ich Dir morgen mit ein paar Worten. Sonst werde ich heute mit Wegschicken nicht mehr fertig...

Ja, die versprochenen Bilder von Kiew. Da wäre erstmal so ein Denkmal, neben einem anderen, unter einem Monument. Leider habe ich weder die Bedeutung der Denkmäler noch des Monumentes gefunden. Aber sehr beeindruckend war's.

Direkt dahinter hat man einen herrlichen Blick über den Norden Kiews und den Dnjepr. Der Fluß führt ziemlich nah am Fuß des Hügels vorbei und dehnt sich weit nach Norden aus. Auf den Bildern kannst Du am Horizont kaum die am Nord-Ufer stehenden Häuser erkennen. Dazwischen ist überall Dnjepr, mit Dutzenden von Inseln. Wahnsinn.

Ein Stück weiter den Hügel hoch erstreckt sich ein kleiner Park. Der reicht für stundenlange Spaziergänge völlig aus. Er gehört zu einer Residenz, die von einem fürchterlich berühmten und reichen Herrscher gebaut und bewohnt wurde. Mir fällt nur nicht mehr ein, welcher das war. Eine nette Hütte hat er da aber bauen lassen. Diente später als Vorlage für das Schloß von Versailles, ist nur etwas kleiner (etwa 2/3 von Versailles).

Von dem Balkon aus würde man heute in das Stadion von Dynamo Kiew schauen, in dem an diesem Abend gerade die Vorstellung der Mannschaftsaufstellung für ein UEFA-Cup-Spiel war (das Dynamo am nächsten Tag verlor). Sonst ist in dem Park allerlei bunt zusammengemischt, Häuser in einem alten Ukrainischen Baustil, eine Freilicht-Bühne und ein paar Denkmäler für Leute, deren Namen mir nichts sagen. Und herrlich ruhig, trotz vieler Leute.

Einen anderen Abend bin ich nochmal am Dnjepr entlangspaziert. Leider wurde es schnell dunkel, so dass die Bilder sehr dunkel sind. Dank Digital-Technik aber noch erkennbar. Los ging's am Fuß des Hügels mit dem Monument. Der Abstieg war schon abenteuerlich, bis zum Dnjepr ging's etwa 20 Minuten nur Treppen runter.

Bin dann nach links, auf der Uferpromenade entlang bis zu dem "Mega-Hend'l-Griller". 2 Stunden Fußmarsch. Von der Promenade aus sieht man nur den Fluß und fast nix von Kiew. Ganz am Ende war dann ein Hotel, auf dem Fluß schwimmend, mit Piraten am Eingang. Die fand ich genial, leider alles SEHR dunkel geworden. In der Nähe des Hotels schwimmt ein Restaurant auf dem Dnjepr, dort war ich dann noch essen. Ein paar Musiker spielten dort live Musik in traditioneller Kleidung (zumindest so traditionell wie die Dirnd'l der Bedienungen auf'm Oktoberfest). Wunderschöne Klänge, passend zu meiner Stimmung. Hachja.

So, mehr gibt's nicht zu berichten. Ich habe noch einige Bilder, die bringe ich Dir irgendwann mal mit. Sind nicht sooo interessant. Der Rückweg war noch etwas chaotisch, weil der Flieger völlig überbucht war.

Insgesamt kann ich sagen, dass ich mich dort "wie zuhause" gefühlt habe. Die Mentalität der Menschen schien vertraut. Vieles war anders als hier, aber doch irgendwie bekannt. Ich muss unbedingt nochmal einen Sommer dort verbringen, vielleicht mit dem Fahrrad von Odessa zur Halbinsel Krim. Oder so was in der Art. Vielleicht kann ich ja auch einen Skipper für einen Törn um die Krim herum finden. Jetzt habe ich wieder Fernweh.

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